Das deutsche Schulsystem und das Gefängnis

So sollte Schule nicht sein!

Mein Sohn geht jeden Morgen in ein System,
das behauptet, kindgerecht zu sein.

Ein System mit bunten Wänden.
Mit bemalten Schulhöfen.
Mit kleinen Leseecken und Bibliotheken,
die Gemütlichkeit ausstrahlen sollen.

Und ja —
viele Schulen geben sich Mühe.
Viele Lehrkräfte geben alles, was sie haben.

Aber irgendwann muss man aufhören,
den schönen Anstrich mit echter Kindgerechtigkeit zu verwechseln.

Denn das Problem sitzt tiefer.

Das deutsche Schulsystem ist maßlos überfordert.

Nicht, weil dort ausschließlich Menschen arbeiten, denen Kinder egal sind.
Sondern weil ein kaputtes System mit viel zu wenig Ressourcen irgendwie weiterlaufen muss —
egal, ob es Kindern guttut oder nicht.

Und Kinder spüren das.

Jeden einzelnen Tag.

Ein Kind im deutschen Schulsystem zu sein,
fühlt sich manchmal an wie ein Aufenthalt in einem sehr freundlich gestrichenen Gefängnis.

„Setz dich hin.“
„Sei still.“
„Jetzt nicht.“
„Füll das Blatt aus.“
„Nicht reden.“
„Nicht aufstehen.“
„Warte bis zur Pause.“

Ständig Ansagen.
Ständig Kontrolle.
Ständig Anpassung.

Aber wo sind eigene Ideen?
Wo ist Bewegung?
Wo ist echtes individuelles Lernen?
Wo dürfen Kinder konstruieren, entdecken, scheitern, ausprobieren?

Natürliche Bewegung ist im Schulalltag kaum vorgesehen.
Und nein —
ein oberflächlicher Sportunterricht reicht dafür nicht aus.

Denn selbst dort geht es häufig wieder nur darum,
Anweisungen zu befolgen und im Gleichschritt zu funktionieren.

Aber Kinder funktionieren nicht im Gleichschritt.

Stell dir vor,
du bist sportlich unfassbar begabt —
musst aber permanent auf Durchschnittsgeschwindigkeit abbremsen.

Oder du bist kreativ, neugierig, laut denkend,
brauchst Bewegung zum Lernen,
wirst aber täglich gezwungen,
gegen deinen eigenen Körper zu arbeiten.

Und genau so verlieren Kinder irgendwann die Freude am Lernen.

Nicht weil sie dumm sind.
Nicht weil sie faul sind.
Sondern weil Lernen unter Daueranpassung irgendwann nichts mehr mit Lernen zu tun hat.

Mein Sohn ist ein sehr folgsamer kleiner Junge.
Einer, der nie „Probleme macht“.
Der gefallen möchte.
Der sich einfügt.

Und selbst er leidet unter diesem System.

Er durfte einmal so lange nicht zur Toilette,
bis er sich eingemacht hat.

Die Erklärung?
„Wir hatten doch eben Pause.“

Pause.

20 Minuten.
Davon gefühlt die Hälfte dafür,
das Frühstück möglichst schnell herunterzuwürgen.

Kindgerecht?

Wahrscheinlich haben manche Gefängnisinsassen mehr Zeit zum Essen und für Toilettengänge als unsere Kinder im Schulalltag.

Und genau DAS macht mich wütend.

Nicht auf einzelne Lehrkräfte.
Ich kenne inzwischen so viele Menschen,
die diesen Beruf verlassen haben,
weil sie ihn unter diesen Bedingungen nicht mehr ausüben können.

Menschen,
die jahrelang für ihren Traumberuf studiert haben —
nur um irgendwann festzustellen,
dass sie in einem System arbeiten,
das weder Kindern noch Lehrkräften wirklich gerecht wird.

Das ist keine individuelle Schuld.
Das ist strukturelles Versagen.

Und die Zahlen zeigen längst,
dass Kinder unter diesem Druck leiden.

Laut dem Deutschen Schulbarometer fühlt sich inzwischen jedes vierte Kind beziehungsweise jeder vierte Jugendliche psychisch belastet. Fast die Hälfte berichtet von hohem Leistungsdruck.

Immer mehr Kinder verweigern Schule,
ziehen sich zurück,
werden krank,
rebellieren
oder verlieren sich vollständig in Lustlosigkeit und Erschöpfung.

Und vielleicht ist genau das kein individuelles Problem mehr.

Vielleicht ist es die logische Reaktion eines kindlichen Nervensystems auf ein System,
das viel zu oft Anpassung über Menschlichkeit stellt.

Für mich als Mutter ist das schmerzhaft.

Denn ich schicke mein Kind jeden Morgen in ein System,
von dem ich weiß,
dass es ihm nicht wirklich gerecht werden kann.

Und trotzdem muss er funktionieren.

Wie Millionen andere Kinder auch.

Vielleicht sollten wir endlich aufhören zu fragen,
warum Kinder immer auffälliger werden.

Und anfangen zu fragen,
wie lange ein System noch funktionieren kann,
das so wenig Platz für echtes Kindsein lässt.

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